Forum Selbsthilfe
Wege und Ziele
Selbsthilfetag am 24.10.98 / Bericht / Presseecho
Selbsthilfe an der Leine?  

(Rheinische Post vom 27.10.98)

Den Tränen freien Lauf lassen
Anuschka Kazarian

Conni Lauke, Sprecherin der Krefeler Selbsthilfegruppen zeigt sich entschlossen: "Wir wollen ein Umdenken in der Gesellschaft bewirken." Der Tag der Selbsthilfe", an dem sich 50 Selbsthilfegruppen im Gesundheitsamt der Öffentlichkeit (rund 700 Besucher) präsentierten, war ein kleiner Schritt in diese Richtung.

Schiefes Gesellschaftsbild

"Körperlich und seelisch Kranke fühlen sich mit ihren Problemen oft allein gelassen", stellt die Asthma-Therapeutin bedauernd fest. "Menschen, die nicht mehr voll berufsfähig sind, passen nicht in das Bild einer funktionierenden Leistungsgesellschalt." Ob Mobbingopfer, Alkoholiker, Aphasiker, Depressive oder Krebsbetroffene, viele zögen sich aus Angst vor Ablehnung nach und nach aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Oberbürgermeister Pützhofen, Schirmherr der Veranstaltung, mahnte daher: ,,Wir müssen wieder lernen zu geben, statt immer nur zu nehmen." Dabei bedeute geben nichts anderes, als dem anderen ein Ohr zu schenken, ihn mit seinen Sorgen ernstzunehmen.

Uschi Keller, Sprecherin der Selbsthilfegruppe Mobbing, weiß aus beruflicher Erfahrung: ,,Die seelische Erleichterung ist am größten, wenn sich die Leidensgenossen miteinander unterhalten." Ob aus Mißtrauen oder Scham: Weder Kollegen noch Freunden oder Angehörigen könnten sich die Mobbing-Opfer anvertrauen. ,,In unseren regelmäßigen Treffen können die Betroffenen ihren Tränen ruhig freien Lauf lassen," verspricht die Soziologin.

Der Selbsthilfeverband für Transplantationsbetroffene setzt sich für Wartepatienten, Organtransplantierte und Hinterbliebene der Organspender ein. "Das Thema muß viel stärker ins öffentliche Bewußtsein rücken"", fordert Verbandsmitglied Hermann Heussen, selbst lebertransplantiert. "Je weniger man darüber weiß, desto niedriger ist die Spenderbereitschaft.""

Krankheit akzeptieren lernen

"Ohne die Selbsthilfegruppe wäre uns schon so manches Mal die Decke auf den Kopf gefallen."" Irmgard Lindner und ihr Ehemann, der nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen kann, haben bei ihren monatlichen Treffen mit Gleichbetroffenen schon viel Trost gefunden. "Ohne die Akzeptanz der Aphasie ist auch eine Sprachtherapie nur schwer möglich.""

Weitere Informationen zur Selbsthilfe gibt Holger Falk (reha forum Impuls) unter 89490.

 

 

(Westdeutsche Zeitung vom 26.10.98)

Verständnis und Zuflucht finden
700 Besucher beim Tag der Selbsthilfe-Gruppen

(cf) Im Gesundheitsamt summte es wie in einem Bienenstock. Krefelds Selbsthilfegruppen hatten den Samstag zu ihrem Tag erklärt. Vom Erdgeschoß bis zum Dachboden in der vierten Etage stellten sie ihre Arbeit vor, informierten mit vielen Vorträgen, unterhielten mit einem hübschen Beiprogramm - Premiere mit vollem Erfolg vor 700 Gästen. Daß der Dachboden noch nicht ausgebaut ist - kein Hindernisgrund. Infostände hatten dort viel Platz. In einer Ecke war eine Bühne aufgebaut, große Töpfe mit Grünpflanzen sorgten für Frische.

Immer mehr Menschen suchen Zuflucht und Verständnis in Selbsthilfegruppen. Sie sind oft die letzte Rettung für ,,Menschen, die hilflos sind, ohnmächtig, und mit den Problemen, die auf sie zukommen, nicht mehr fertig werden", erklärt Conni Lauke, Sprecherin der Selbsthilfegruppen, die gemeinsam mit Erika Bleckmann (Gesundheitsamt) und Holger Falk (reha forum Impuls) den Tag organisiert hat.. "Oft reicht es nicht mehr aus, sich nur vom Fachmann behandeln und therapieren zu lassen, weil die emotionale Krankheitsbewältigung dort nicht gewährleistet werden kann." In der Gruppe geht es um Nehmen und Geben. Alle profitieren von den Erfahrungen und Kenntnissen der anderen. Conni Lauke: "Ich würde mich freuen, wenn das Gefühl der Gegenseitigkeit noch ausge prägter wäre. Auch in der heutigen Konsumgesellschaft. Manchmal würde es reichen zu danken oder den Menschen, der geholfen hat, einmal in den Arm zu nehmen."

Viel Lob hatte Schirmherr OB Dieter Pützhofen für die Arbeit der Seibstilfegruppen, die das Leben lebenswerter gestalteten und die eine gesellschaftliche Struktur aufbauten, ähnlich wie es sie früher in Familien und Nachbarschaften gegeben habe. "Keiner kommt ohne soziale Bindungen aus", betonte Pützhofen und hob besonders das gegenseitige Verständnis in den Gruppen hervor. Die Selbsthilfegruppen seien zwar nicht die einzige Adresse, um Hilfe zu bekommen, aber eine richtige und wichtige. Er versprach auch nachzusehen, ob im Rathaus nicht Geld für den Dachbodenausbau zu finden sei.

In einem Selbsthilfeführer, der im Frühjahr herauskommt, stellen sich alle 100 Gruppen vor.